Kauf eines Pflegedienstes in Corona-Zeiten – Teil 5

Warum wird uns die Übernahme nur so schwer gemacht, war die Frage der Tage ?

Ist es normal, dass man im Rückblick vieles vergißt? Oder können das nur die Frauen?  🙂

Wenn ich heute an den Winter 2020 / Jahreswechsel 2021 denke, habe ich mehrheitlich Erinnerungen an kurze Nächte, verzweifelte Blicke aufs Handy und der Hoffnung, dass nicht schon frühmorgens um 5.30 h eine WhatsApp-Nachricht eingegangen ist. Der Grund ist einfach erklärt: Eine so frühe Nachricht bedeutet immer nur die Krankmeldung einer Pflegekraft. Und das bedeutete Streß und Ärger.

Was ich noch gut in Erinnerung habe, ist der Start des recht jungen und unerfahrenen Pflegedienstleiters. Mein Mann wollte das Team unbedingt um einen männlichen Pflegedienstleiter erweitern.

“Ich weiß, dass wir den Arbeitsplatz mit m-w-d bewerben müssen, aber einstellen werden wir definitiv nur m”, das waren seine Worte. Und er hatte aus damaliger Sicht sogar Glück. Es meldete sich ein junger Mann, ausgebildeter Pflegedienstleiter und Erfahrung in der ambulanten Pflege. Was wollten wir mehr? Heute wissen wir, was gefehlt hat – Erfahrung als Pflegedienstleiter. Es ist schon so, dass eine Schulungsmaßnahme mit 460 Unterrichtsstunden aus einem guten Altenpfleger noch keinen guten Pflegedienstleiter macht. Das hat uns aber damals niemand gesagt.

Der junge Mann war ausgesprochen kommunikativ und auch hoch motiviert. Wir haben ganz offen mit der angestellten Pflegedienstleiterin und deren Vertretung die Einstellung des neuen Kollegen erörtert und auch direkt erklärt, dass niemand seinen Arbeitsplatz verliert, sondern wir deutlich wachsen möchten und die Stärken der damaligen Pflegedienstleiterin in der Ausbildung neuer Mitarbeiter:innen gesehen haben.

Das haben aber wohl nur wir so gesehen.

Der neue Mitarbeiter hat sich korrekt und freundlich den beiden Damen vorgestellt und auch klar zum Ausdruck gebracht, dass er zu Beginn ihre Unterstützung braucht. Beide haben unabhängig voneinander jegliche Unterstützung zugesagt.  Hahahahaha

Einen Tag vor dem Arbeitsbeginn des neuen Kollegen erkrankten beide Mitarbeiterinnen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Nein, das war einfach nur ZUFALL !  Und da saßen wir nun ohne gesicherte Tourenplanung, ohne Dienstplan für den neuen Monat und eigentlich ohne jeglichen Plan.

Inzwischen fehlten drei Fachkräfte und eine eingearbeitete und vor allen Dingen belastbare Führungskraft.

Wir mussten dann “mal eben” drei Zeitarbeitskräfte buchen, deren jeweilige Arbeitsstunde uns mit 53,50 Euro berechnet wurde. Die Tourenpläne wurden täglich neu aufgestellt, waren und blieben auch erst mal eine Katastrophe, die wiederum zu vielen vielen Beschwerden geführt haben. Die Mitarbeiterinnen waren unglücklich, mussten sich vor den Patienten rechtfertigen und waren mit der gesamten Situation einfach überfordert.

Hinzu kam der Druck des jungen Pflegedienstleiters, der sich gerne einarbeiten wollte, aber ab ca. 17.00 h mehrmals stündlich von seiner Ehefrau angefragt wurde, wann er denn bitte nach Hause kommen wolle. Der saß somit auch zwischen den Stühlen. Wir sind früh morgens ins Büro gefahren und wußten zu keinem Zeitpunkt, was uns erwartet.

Mein erstes Aufgabengebiet = Die Verordnungen

Es gibt in der ambulanten Pflege ein Aufgabengebiet, welches “Verordnungen” heißt. Die seinerzeitige Sachbearbeitern DER Verordnungen machte soviel Wind um dieses Thema, dass wir förmlich in die Knie gegangen sind. Wie befürchtet kam auch diese Mitarbeiterin eines Tages und bat um ein Gespräch. “Okay” habe ich mir gedacht “da musst du jetzt durch”. Sie eröffnete das Gespräch mit den Worten “Ich muss kürzertreten und möchte die Verordnungen nicht mehr machen. Ich gehe nur noch in die Pflege. Und die 20 Stunden in der Woche reichen mir auch.”

Gut, dass die Mitarbeiterinnen machen, was sie wollten, hatten wir ja schon aufgenommen. Aber uns in dieser mehr als schwierigen Situation auch noch die Verordnungen vor die Füße zu werfen, war schon unverschämt. Wir mussten aber weiterhin gute Mine zeigen, denn in der Pflege brauchten wir jede Kraft, auch so eine Verräterin.

Am nächsten Samstag habe ich mir dann die 7 Ordner zum Thema Verordnungen gegriffen und einen ganzen Tag durchgearbeitet. Und oh Wunder, ich habe das System sogar sehr schnell verstanden. Das ist nämlich gar nicht schwer. Ich erkläre es Ihnen in einfachen Worten:

– Sie gehen zum Arzt. Der verordnet z. B. das tägliche An- und Ausziehen eines Kompressionsstrumpfes. Dazu schreibt er eine Verordnung, vergleichbar mit einem Rezept.

– Mit dieser Verordnung sprechen Sie einen Pflegedienst an, Sie unterzeichnen diese Verordnung, der Pflegedienst nimmt diese in Empfang und schickt sie an Ihre Krankenkasse.

– Die Krankenkasse genehmigt in der Regel diese Verordnung (Rezept) gegenüber dem Pflegedienst.

Fertig !    Die Aufgabe ist lediglich eine gut geführte Wiedervorlage, damit man jederzeit weiß, welche Bestätigungen = Genehmigungen der Krankenkassen noch fehlen

.https://www.kbv.de/html/haeusliche_krankenpflege.php

Am späten Abend bin ich ins Büro meines Mannes “Du, ich kann jetzt Verordnungen. Ab morgen kann ich das übernehmen und ich garantiere Dir, es wird nicht auffallen, dass dies ein Neuling ohne Erfahrung in der Pflege ist. Unsere Mitarbeiterinnen werden sich wundern. Die sollen mich mal nicht unterschätzen. Die halten mich wohl für doof.”  Ich konnte mich kaum beruhigen, denn das Aufgabengebiet hat mich nun überhaupt nicht gefordert. Natürlich brauchte ich fachlichen Rat eines PDL, wenn eine Verordnung abgelehnt wurde oder die Krankenkasse dazu telefonieren wollte. Aber zumindest konnte ich schon mal mitreden.

Dieses Erlebnis war der Anfang meiner “Ausbildung”.

Mit diesem Lernerfolg faßte ich wieder Mut und verlor 5 % meiner Angst vor der Zukunft. Die neue Devise lautete “Dies ist unser Pflegedienst und wir müssen nach vorne schauen. Mit dem Blick nach vorne stieg aber auch die Erkenntnis über meine Wissenslücken. Und das ist auch keine Beruhigung.

Weihnachten 2020 haben wir nahezu komplett im Büro zugebracht. Zum einen wollten wir allen Mitarbeiter:innen zeigen “Wir sind auch hier” und unterstützen alle und außerdem hätten wir Zuhause eh keine Ruhe gefunden.

Silvester haben wir dann hoffnungsvoll auf ein hoffentlich besseres, ruhigeres und erfolgreicheres Jahr angestoßen. Dies aber schon weit vor Mitternacht. Zu mehr hat die Kraft gefehlt und wir sind ins neue Jahr geschlafen.

Hätten wir damals gewußt, was uns noch alles erwartet, hätten wir mit Sicherheit keine Ruhe gefunden.

 

…….Fortsetzung folgt

Cornelia Heyer

Ambulante Krankenpflege 24 Stunden GmbH, 38114 Braunschweig

 

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